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Das Zusammenspiel von Putz und Farbe
22. August 2019

Das Zusammenspiel von Putz und Farbe

Jeder Verputz verfügt durch die jeweiligen Bindemittel, Zuschläge und sonstigen Zusatzstoffe über eine charakteristische Eigenfarbigkeit. Doch seit jeher wurde nach Möglichkeiten gesucht, die Farbpalette von Verputzen durch Einfärben oder Beschichten zu erweitern. Im Laufe der Jahrhunderte wurden dafür verschiedene Techniken entwickelt, wobei Farbe und Putz jeweils ein konstruktives und ästhetisches System bilden, das über spezifische physikalische und optische Eigenschaften verfügt.

Um ein farbgestalterisch optimales Resultat zu erlangen, ist es also unentbehrlich Farbe als integralen Bestandteil eines Verputzsystems zu verstehen und im Planungs- und Entwurfsprozess von Anbeginn mitzudenken. Dabei sind nicht nur technische, sondern auch phänomenologische und ästhetische Aspekte zu berücksichtigen und wir wollen in diesem Beitrag die Thematik anhand von Fragen erörtern, die es abzuklären gilt, um Farbentscheide zu treffen, die sowohl den bauphysikalischen Anforderungen gerecht werden als auch einen gestalterischen Mehrwert generieren.

Einfärben oder beschichten?

Ein Verputz muss nicht zwingend beschichtet werden, um ein breiteres Farbspektrum zu erreichen. Es kann im Gegenteil gestalterisch besonders reizvoll und auch technisch interessant sein mit einem durchgefärbten Verputz zu arbeiten. Jeder Verputz hat bedingt durch die Wahl des Bindemittels und des beigemischten Sandes eine Eigenfarbigkeit. Diese variiert bei mineralischen Putzen von weiss über ockrig, bräunlich bis zu grau, je nachdem wie gross der Anteil an Luftkalk, an hydraulischen Komponenten, beziehungsweise an Zement ist.

Die Farbigkeit kann zusätzlich durch Zuschläge wie schwarzer Basalt, Schiefer, farbiger Quarzsand oder Porphyr gesteuert werden. Zudem lassen sich durch die Beigabe von Glimmer, Muschelbruch oder Glasplättchen unterschiedliche Glanzeffekte erzeugen.

Das Zusammenspiel von Putz und Farbe

Farbige Zuschläge

Sowohl mineralische Edelputze als auch organisch gebundene Oberputze können schliesslich zusätzlich durch die Zugabe von systemkompatiblen Pigmenten eingefärbt werden. Technisch gesehen ist dieses Verfahren, insbesondere bei mineralischen Verputzen, anspruchsvoll, wenn man Fleckenbildung beim Auftrocknen des Verputzes nicht in Kauf nehmen will. Eine Beschichtung garantiert in diesem Fall eine homogenere Farboberfläche. Ausserdem bietet eine Beschichtung zusätzlichen Schutz gegen direkten Schlagregen und andere atmosphärische Einwirkungen. Beschichtete Fassaden können zudem mit einem geringeren Aufwand repariert und renoviert werden, wohingegen Beschädigungen an durchgefärbten Putzen weniger gut sichtbar sind als an beschichteten. Gestalterisch eröffnen Farbbeschichtungen ein grösseres Farbspektrum, eine präziser kontrollierbare Farbigkeit und erlauben eine genauere Ausführung von Farbübergängen.

Mineralischer oder organischer Aufbau?

Hat man sich für das Beschichten eines Putzes entschieden, stellt sich die Frage, ob man mit einem organischen oder mineralischen Anstrich arbeiten will oder ob man eine der vielen „Mischvarianten“ einsetzen soll. Entsprechend muss eine geeignete Verputzart gewählt werden. Ein mineralischer Verputz kann rein materialtechnisch mit Dispersions-, mit Silikonharz-, mit Organosilikat-, mit Reinsilikat- und mit Kalkfarbe beschichtet werden. Rein mineralische Anstriche sind nur die Reinsilikat- und die Kalkfarbe. Bei einem organischen Verputz sind sämtliche organischen Anstrichsysteme verwendbar, reine Silikatfarbe und reine Kalkfarbe können jedoch nicht zur Anwendung kommen.

Aus technischer Sicht gilt es sich grundsätzlich für eines von zwei völlig unterschiedlichen Verputz- und Beschichtungssystemen zu entscheiden. Die hydrophobe, organische Hülle beabsichtigt, das Gebäude vor Eindringen von Wasser zu schützen, und die Farbbeschichtung legt sich demzufolge als „dichte“, filmbildende Haut über das Mauerwerk. In einem hydrophilen, mineralischen System bilden Mauerwerk, Verputz und Beschichtung als verzahnte Schichten eine konstruktive, physikalische und nicht zuletzt auch ästhetische Einheit.

Während wasserabweisende Systeme in der Regel dünnschichtig aufgebaut werden, sind hydrophile Aufbauten auf eine gewisse Schichtdicke angewiesen, um den Feuchtigkeitshaushalt des Wandsystems physikalisch zu regulieren. Diese Schichtdicke birgt ein gestalterisches Potential, das auch auf die Farbigkeit Einfluss haben kann. So kann mit einem groben Korn oder einer speziellen Modellierung und Verarbeitung zusammen mit dem entstehenden Spiel von Licht und Schatten eine Oberfläche und deren Farbigkeit gleichsam zum Leben erweckt werden. Eine farbige Fassade kann hier wahlweise weich oder kantig, sandig oder körnig, körperhaft oder glatt erscheinen.

Welche Aussage soll mit der Farbigkeit gemacht werden?

Ausschlaggebend für die Wahl eines Anstrichsystems ist neben dem soeben beschriebenen und früh im Planungsprozess zu fällenden Grundsatzentscheid das angestrebte Kolorit, denn das Farbspektrum der einzelnen Systeme variiert stark. Das breiteste Farbspektrum kann mit Dispersions- und Silikonharzfarben erreicht werden. Sie erlauben die Verwendung von organischen Pigmenten, was die Farbpalette erheblich erweitert. Zudem ist eine hohe Pigmentierung möglich, wodurch hier sehr bunte Farbtöne erzielt werden können. Die Differenziertheit der Farberscheinung ist jedoch insofern eingeschränkt, als dass diese filmbildend aufgetragenen Farben geringere Gestaltungsmöglichkeiten in Bezug auf Faktoren wie Lichtstreuung, Haptik, Körnung oder auch Tiefenwirkung des Anstrichs aufweisen.

Reinsilikatfarben und Organosilikatfarben hingegen können nur mit mineralischen Pigmenten eingefärbt werden, und beide Anstrichsysteme verfügen somit über ein ähnliches Farbspektrum. Die Qualitäten dieses Farbspektrums liegen vor allem in leicht gebrochenen, warmen und oft erdigen Farbtönen, die in ihrer Anmutung farb- und materialikonologisch den ebenfalls erdigen Grundmaterialien eines Verputzes nahe stehen. Klare, nicht erdige Farbtöne, insbesondere starkbuntes Rot ist in dieser Farbpalette nicht vorhanden. Diese grundsätzlich chemisch bindenden Farben bilden mit ihrem Untergrund eine murale Einheit. Dadurch eröffnet sich trotz der eingeschränkten Pigmentpalette ein gestalterischer Spielraum für vielfältige ästhetische Wirkungen. Aspekte wie zum Beispiel die Tiefenwirkung einer Farbe oder deren Transparenz können manipuliert und geplant werden.

Die Kalkfarbe ist insofern ein Spezialfall, als dass das Bindemittel Kalk zugleich auch Füllstoff und Pigment ist und deshalb sowohl die Farbigkeit als auch die Konsistenz und Füllkraft der Beschichtung stark beeinflusst. Um zusätzliche Farbnuancen zu erzielen können andere mineralische Pigmente beigemischt werden. Allerdings ist keine hohe Pigmentierung möglich, da sonst die Bindung zu stark reduziert würde. Ein Kalkanstrich muss jedoch nicht zwingend nur schwach „gefärbelt“ wirken, auch wenn gerade in diesen fein nuancierten, hellen Putzfarben eine grosse Qualität liegt. Versierte Handwerkerinnen und Handwerker wissen jedenfalls mit der Kalktechnik verblüffende Resultate zu erzielen.

Die Industrie ist laufend damit beschäftigt, neue Pigmente und neue Bindemittel für die Anwendung am Bau nutzbar zu machen. Ziel ist im Prinzip immer, einerseits die Nachteile, beziehungsweise die Einschränkungen der vorhandenen Materialien aufzuheben und andererseits neuartige, bislang unbekannte Wirkungen zu erzielen. Gesucht werden Farbtöne und jüngst auch dynamische Farbeffekte, die bisher am Bau nicht möglich waren. Die Inspiration kommt hier oft aus anderen Branchen wie zum Beispiel der Autoindustrie oder dem Produktdesign.

Wie altert eine Beschichtung?

Wenn es um die Farbechtheit einer Beschichtung geht, dann spielen atmosphärische, chemische, biologische und mechanische Einwirkungen auf die Farbschicht eine Rolle. Farbbeschichtungen reagieren je nach ihren chemischen Eigenschaften unterschiedlich auf diese Faktoren. Grundsätzlich lässt sich sagen, dass mineralische Beschichtungen licht- und wetterbeständiger sind als organische, das heisst, dass das Problem der Auskreidung und Farbveränderung bei anorganischen Beschichtungen geringer ist.

Das Verblassen einer Farbe durch das Phänomen der Kreidung, beziehungsweise Auswaschung hängt davon ab, wie gut das Pigment gebunden wird. Dieses Problem tritt also vor allem bei schwachbindenden Farbbeschichtungen und allgemein bei Überpigmentierung auf. Farbveränderungen werden zudem oft durch den Einfall von UV-Licht verursacht, da dieses die chemischen Strukturen von manchen organischen Pigmenten und Bindemitteln zersetzt und so Pigmente auskreiden lässt. Dies ist vor allem im Rot-, Gelb- und Blaubereich der Fall, was in relativ kurzer Zeit zu überraschenden und oft unliebsamen Farbveränderungen führen kann.

Neben der Farbechtheit gilt es bezüglich der Alterung weitere Faktoren wie Pilzbefall, Verschmutzung, Unterhalt und Renovierbarkeit zu berücksichtigen. Es gibt Beschichtungen, die in Würde altern und eine reizvolle Patina anlegen, und somit auch längeren Sanierungszyklen unterliegen.

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Kalkanstriche in Würde gealtert

Andere Beschichtungen hingegen altern unvorteilhaft und schon nach kurzer Zeit wirken schäbig und sind schadhaft.

Grundsätzlich gilt, dass Beschichtungen, die filmbildend angelegt sind, sich auch als solche wieder von der Fassade ablösen. In mineralischen Systemen bewirkt die Alterung einen schrittweisen Abbau der Schichten, der demzufolge auch unterschiedliche Verwitterungsgrade zulässt. Am witterungsbeständigsten ist die Reinsilikatfarbe, die Qualitäten wie farbecht, lichtecht und widerstandsfähig für sich in Anspruch nehmen kann.

Wie dunkel darf der Verputz sein?

Das Aufheizen von Fassaden unter Sonneneinstrahlung ist heute insofern ein zentrales Thema, als dass insbesondere bei Wärmedämmverbundsystemen der sogenannte Hellbezugswert zu einer ganz wichtigen Grösse geworden ist. Konkret bedeutet dieser Richtwert, dass je nach System eine gewisse Dunkelheit des Farbtons nicht überschritten werden darf, damit die thermischen Spannungen im Verputz- und Dämmsystem nicht zu gross werden. Die Industrie arbeitet heute darauf hin, Pigmente und Verputzsysteme zu entwickeln, die weniger Wärme absorbieren und damit dunklere Verputze auf Wärmedämmverbundsystemen möglich machen.

Welche handwerklichen Verarbeitungen sind möglich?

Jede Beschichtung kann durch die handwerkliche Verarbeitung in ihrer Erscheinung vielfältig beeinflusst werden. Engagierte Handwerker und Handwerkerinnen sind mit ihrem grossen Fachwissen immer wieder in der Lage, trotz materialbedingten Einschränkungen unterschiedlichste gestalterische Wirkungen zu erzielen und auch sogenannt Unmögliches möglich zu machen.
So liegt zum Beispiel gerade innerhalb des Systems Kalk(zement)putz ein grosser handwerklicher Spielraum, der von versierten Handwerkern zur Erzeugung von überraschenden Ergebnissen genutzt werden kann. Dieser Variationenreichtum reicht von Kratz- und Waschputz über Kalktechniken bis hin zu Lasuren und speziellen Glättetechniken.
Einen besonders reichen Gestaltungsfundus bieten auch die unterschiedlichen Methoden der Oberflächenbearbeitung, die neben der Materialzusammensetzung auch vom Werkzeug und der Verarbeitungstechnik beeinflusst werden. Hiermit lassen sich variantenreiche Strukturen und Texturen erstellen, die die Qualität von einem handwerklichen Unikat besitzen. Es ist also bestimmt gewinnbringend und anregend, schon früh im Entwurfsprozess versierte Handwerkerinnen und Handwerker in die Entscheidungsfindung miteinzubeziehen.

Welche phänomenologischen Eigenschaften und ästhetische Wirkung sollen erzielt werden?

Ein herausragendes Merkmal von verputzten Fassaden ist das lebendige Zusammenspiel von Licht, Schatten und Farbe, das aus den vielseitigen Gestaltungsmöglichkeiten in der Oberflächenstruktur erwächst. Verputze können aufgrund unterschiedlich grober Kornanteile und/oder aufgrund der zahlreichen handwerklichen Bearbeitungstechniken wie dem Anwerfen mit der Kelle, dem Glätten, dem Kämmen oder dem Kratzen unendlich viele Variationen von Oberflächenstrukturen erhalten.

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Gipsabgüsse von verputzten Oberflächen

Durch die Farbgebung kann die jeweilige Wirkung der gewählten Struktur verstärkt aber auch gemindert werden. So lässt ein heller, eher unbunter Farbton das Spiel von Licht und Schatten deutlicher in Erscheinung treten, während eine dunkle Farbgebung sowie ein hoher Buntheitsgrad die Reliefwirkung eines strukturierten Verputzes verringert.

Die Wirkung von verputzten Oberflächen im Tageslicht wird aber nicht nur durch das Relief bestimmt sondern ebenso über den Glanzgrad und die optische Durchlässigkeit der Oberfläche sowie über deren Veränderung bei trockenem oder nassem Zustand. Es gibt Fassaden, die ihr Gesicht je nach Wetter stark verändern. Sie sind deutlich dunkler, wenn es regnet, und sie erhalten eine vielfältige,  kristalline Tiefe im Sonnenlicht. Besonders klar ist dieses Phänomen bei Fassaden mit einem Reinsilikatanstrich zu beobachten. Kalkfassaden wiederum dunkeln bei Schlagregen ebenfalls merklich nach, im Sonnenlicht aber wirken sie eher weich, ja fast stofflich. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass unbunte Verputze mit farbstichigen Zuschlägen im feuchten Zustand deutlich bunter wirken, als im trockenen. Bei hydrophoben Systemen sind die Veränderungen im Tages- und Jahreszeitenverlauf gering. Das Wasser perlt ab, das Licht wird homogener gestreut, wodurch die neu gestrichene Fassade Sauberkeit und eine gewisse Unnahbarkeit ausstrahlt.

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Kalkputze- (rechts) und Kalkfarbe Muster (links) im nassen und trockenen Zustand

Ein Farbanstrich auf Verputz verändert je nach gewähltem Farbmaterial zudem die Struktur und die Haptik der Oberfläche. Hierbei ist die sogenannte Füllkraft einer Farbe entscheidend, das heisst die Körperhaftigkeit des Farbanstrichs. So ist insbesondere die Kalkfarbe in der Lage kleine Unregelmässigkeiten in einem Verputz aufzufüllen und auszugleichen, gewisse Dispersionen verhalten sich in diesem Bereich ähnlich. Sehr stark unterscheidet sich hingegen die Haptik eines organischen von derjenigen eines mineralischen Anstrichs. Während beim ersten der Anstrich als glatter Film auf der Oberfläche spürbar ist, fühlt sich eine mineralische Oberfläche eher kreidig oder sandig an und wird als Bestandteil des Verputzes empfunden.

Eine zusätzliche Komponente in Bezug auf die Wirkung einer Oberfläche ist die Farbwahl an sich, das heisst der Farbton unabhängig von seiner materiellen Umsetzung. Ein Farbton macht im Kontext von Architektur eine andere ästhetische Aussage als dies bei der Anwendung im Bereich der Mode oder des Design der Fall wäre. Diese architektur- und materialspezifische Farbikonologie gilt es bei der Farbwahl zu berücksichtigen. So gibt es zum Beispiel Farben, die auf einer verputzten Fassade natürlich und materialnah wirken und andere, die hingegen als künstlich und materialfremd empfunden werden und Irritation oder auch Staunen auslösen. Allgemein kann man sagen, dass eine ungewohnte und/oder prägnante Farbgebung einen grossen Teil der Aufmerksamkeit an sich bindet und die weiteren phänomenologischen und ästhetischen Eigenschaften eines Verputzes stark in den Hintergrund treten lässt.

Verputz und Farbe prägen also in hohem Masse die unmittelbare Wirkung eines Baus. Dies geschieht auf unterschiedlichen Ebenen und mit unterschiedlichen Mitteln. Deshalb ist es wichtig sich früh zu überlegen, welche spezifische Erscheinung der Oberfläche erzielt werden soll, mit welchen Massnahmen diese Wirkung erreicht werden kann und auf welcher Ebene des Verputz- und Farbgebungssystems demzufolge anzusetzen ist. So kann ein optimales Zusammenspiel von Putz und Farbe erzielt werden, das einen sowohl gestalterischen als auch technischen Mehrwert generiert.

Text
Matteo Laffranchi-Lino Sibillano-Stefanie Wettstein

Bilder
Haus der Farbe


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