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Material + Werkzeug = Textur

Material + Werkzeug = Textur

Gedanken zu einer ungewöhnlichen Gleichung, die Spuren des Handwerks als gestaltetes Ergebnis definiert.

Die Gleichung steht exemplarisch für mineralische Oberflächen wie Verputze, Natur- und Kunststeine, sowie Beton.

Besonders bei verputzen Gebäudehüllen der 1890er bis 1960er-Jahre ist die Bandbreite der Texturen und Strukturen weit gefächert. Geglättete, geriebene, gefilzte, aufgeraute, geprägte, modellierte, gekämmte, angeworfene, geritzte Putze,... deren Schattenwurf die Oberfläche von Sockeln, Fassaden, Wänden und Decken bereichert.

Das Aufbringen als auch das Strukturieren des Verputzmaterials ist sowohl eine handwerkliche, wie auch eine gestalterische Intervention. Ein kunstvoller Verputz ist nicht einfach ornamentale Verzierung, sondern eine Art fest verwachsene Epidermis des Baukörpers. Der Auftritt und Ausdruck eines Gebäudes wird wesentlich dadurch bestimmt. Alles, was an haptischen Qualitäten gewünscht wird, findet bereits hier statt und darf nicht an Farbe delegiert werden.

Material + Werkzeug = Textur

Gipsabgüsse von mineralischen Texturen. AO Sammlung im Haus der Farbe

Das Material:

Porös oder kristallin, feinkörnig, geschichtet, gerichtet oder homogen, die Konstitution des Materials bei der Verarbeitung entscheidet massgeblich über die Erscheinung der Oberfläche. So entstehen weiche, zerklüftete, wellenartige, kantige Texturen die, das Licht-Schatten Spiel entsprechend bestimmen.

Das Werkzeug:

Werkzeuge dienen dazu Verputze aufzutragen und zu verdichten, Steinblöcke zu formen und zu richten oder Betonkies aus der Zementmatrix zu befreien. Jedes Werkzeug hinterlässt seine spezifischen Spuren, seien sie parallel gerichtet wie bei Zahntraufeln, Kämmen und Bürsten, punktuell beim Einsatz von Spitzeisen oder flächig gestreut wie bei der Verwendung des Stockhammers. Die erzeugten Texturen streuen das Licht oder betonen die Oberfläche mit gerichteten Licht-Schatten Linien. Der Baukörper erscheint rau, punktiert, gestreift, schlank, kantig oder diffus.

Die Handlung – das Handwerk:

Sind bestimmte Bearbeitungen materialspezifisch, wie Reiben oder Anwerfen für Verputze, so sind andere materialübergreifend dieselben, wie zum Beispiel Scharrieren oder Stocken für Beton, Kunst- und Naturstein oder Steinputze.

Die Handlung wird in unsere Sammlung zum Ordnungsprinzip. Die verschiedenen Oberflächen werden nach der Art der Bearbeitung gesammelt und geordnet, wie „Reiben kreisförmig“, „Anwerfen“, „Kämmen“, „Ritzen“, „Abschlagen gestreut“ und bilden somit Gruppierungen, die für diverse Materialien gelten.

Die Methode der Spurensicherung wiedergibt reelle mineralische Texturen.

Durch ein spezielles Verfahren, das keinerlei Spuren oder Schaden an der Originalsubstanz hinterlässt, ist es dem Team vom Haus der Farbe gelungen, Gipsabgüsse anzufertigen, die Oberflächen von existierenden Gebäuden präzise abbilden. Die Exponate reproduzieren die originale Topografie der Oberflächen detailliert und blenden gleichzeitig das Phänomen Farbe komplett aus. Den Fokus liegt allein auf Struktur, Textur und Schattenwurf.

Text
Matteo Laffranchi

Bilder
Haus der Farbe


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