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Farbstrategien
22. August 2019

Farbstrategien

Farbe kann vielseitig mit der Architektur in Dialog treten. Sie verleiht Identität und beeinflusst die Atmosphäre von Räumen. Farbe kann die architektonische Form stärken und klären, diese aber auch spielerisch kommentieren und interpretieren. In jedem Fall generiert eine differenzierte Farb- und Materialgestaltung einen ästhetischen und funktionalen Mehrwert.

Im Projekt «Farbstrategien in der Architektur» haben das Haus der Farbe und die Universität Edinburgh gemeinsam das raumgestalterische Potenzial von Farbe erforscht. Im Rahmen der Analyse von Bauten aus dem 20. und 21. Jahrhundert wurden Farben vor Ort abgenommen und im Atelier nachgemischt. Sie machen die unterschiedlichen Farbpaletten sichtbar und veranschaulichen sechs ausfindig gemachte Strategien.

Farbstrategien

Icon von Fiona McLachlan zur Wohnanlage Canongate in Edinburgh, Basil Spence

Malerische Promenade

Die Bewegung in Raum und Zeit ist eine wesentliche Voraussetzung dieser erlebnisorientierten und dynamischen Farbstrategie. Das lebendige Zusammenspiel von Farbe, Raum und Licht lässt eine Vielzahl von begehbaren Farbwelten entstehen, die eine malerische Wirkung im Raum erzeugen. Architektur wird so zu einer Abfolge vielseitiger Raumerlebnisse, die eine einprägsame Farberinnerung hinterlassen.

Architektonische Voraussetzung ist ein Raumkontinuum oder eine Raumabfolge, die immer neue Sichtweisen eröffnet. Wichtig sind auch ein versierter Umgang mit Raumproportionen und -atmosphären und ein ausgeprägtes Gefühl für Farbklänge und Farbwirkungen.

Farbstrategien

Die Farbstrategie «Malerische Promenade» wurde anhand des Studiums von Bauten der Architektin Lux Guyer (1894-1955), Zürich analysiert.

Geklärte Tektonik

In dieser Strategie verdeutlicht Farbe das architektonische Gefüge. Sie differenziert Ebenen und Volumen und zeigt Struktursysteme. Bauteilgruppen und sich wiederholende Bauelemente erhalten jeweils eine gemeinsame Farbe und setzen sich voneinander ab. Farbe lässt Bauteile in den Vordergrund treten oder zurückweichen. Das gekonnte farbliche Spiel der Elemente verstärkt das Relief und bildet optische Hierarchien und strukturelle Zusammenhänge.

Diese intellektuelle, auf Klärung bedachte Farbstrategie kann zu einem mechanischen, didaktischen Einsatz von Farbe verleiten. Darum ist ein feinfühliges und differenziertes Lesen der Architektur ebenso wichtig wie die Raffinesse in der Wahl der Farben.

Farbstrategien

Die Farbstrategie «Geklärte Tektonik» wurde anhand des Studiums von Bauten des Architekten Basil Spence (1907-1976), Edinburgh analysiert.

Umfassendes Zusammenspiel

Farbe ist hier untrennbarer Bestandteil der Architektur. Funktion und Nutzung, Konstruktion und Raumproportionen, Materialien und Oberflächenstrukturen, Licht und Schatten vereinen sich mit der Farbe zu einer Raumchoreographie. Farbe unterstützt dabei Absichten und klärt Dimensionen, schafft Atmosphären und verfeinert die Raumwirkung, ohne eigenmächtig oder aufdringlich zu sein. Die sorgfältige farbliche Gestaltung der Einzelform berücksichtigt stets die Gesamtform.

Die subtil gesteigerte Raumqualität ist intuitiv wahrnehmbar, lässt sich aber erst bei eingehender Beobachtung entschlüsseln. So stellt diese Strategie höchste Anforderungen sowohl an den architektonischen als auch farblichen Entwurf.

Farbstrategien

Die Farbstrategie «Umfassendes Zusammenspiel» wurde anhand des Studiums von Bauten des Architekten Hans Scharoun (1893-1972), Berlin analysiert.

Immersive Pop

«Immersive Pop» strebt ein unmittelbares, intensives Raumerlebnis an, das einer trendigen ästhetischen Sprache entspringt. Zentrales Moment ist der spielerische Umgang mit Konventionen und Innovation, mit Konformismus und Grenzüberschreitung. Tradition, Mode und Trend, elitärer Geschmack und Mainstream werden in Gestaltungen miteinander konfrontiert und neu interpretiert. Die Farbstrategie stellt zur Schau und sticht aus dem Alltag hervor. Dabei geht es stark um Wiedererkennbarkeit und Unverwechselbarkeit. Insofern ist «Immersive Pop» mit Strategien des Brandings verwandt.

Neben einem feinen Gespür für ästhetische Trends und Konventionen sind Stilsicherheit, Mut und spielerisches Entwerfen unentbehrlich. Erforderlich ist auch ein vertieftes Wissen um die Wirkung und Angemessenheit gestalterischer Entscheidungen. Der Einsatz dieser Farbstrategie ist auf dem Hintergrund der Nutzung und des Kontexts sorgfältig zu bedenken.

Farbstrategien

Die Farbstrategie «Immersive Pop» wurde anhand des Studiums von Bauten des Architekten Rainer Rümmler (1929-2004), Berlin analysiert.

Stille Tonalitäten

In dieser unbunten Strategie tritt Farbe leise in Erscheinung. Weiß spielt vor allem in Innenräumen eine zentrale Rolle. Farben kommen eher in unbunten, weichen Tönen zum Einsatz, wobei Materialfarben eine wichtige Präsenz haben. Licht und Schatten sind unentbehrliche Mitspieler. Sie transformieren das Lesen von Architektur in eine dynamische Interaktion zwischen Raum und Betrachter und verhindern, dass der Farbeinsatz leblos und flau wirkt. Oberflächeneigenschaften wie Strukturen und Glanzgrade sind in diesem Zusammenhang von besonderer Bedeutung.

Flach einfallendes Licht und schnell wechselnde Wetterverhältnisse, wie wir sie aus Skandinavien, Island oder Schottland kennen, steigern die Wirkung der Farbstrategie «Stille Tonalitäten».

Farbstrategien

Die Farbstrategie «Stille Tonalitäten» wurde anhand des Studiums von Bauten des Edinburgher Architekturbüros Reiach & Hall (gegründet 1965) analysiert.

Second Layer

Bei der Strategie «Second Layer» legt sich Farbe spielerisch über die Architektur. Sie bildet eine zusätzliche Ausdrucks- und Bedeutungsebene, die Irritation schafft und zum Schmunzeln verleitet. Proportionen und Maßstäbe werden verschoben, Strukturen verunklärt. Es werden Bauteile und Volumen evoziert, die so nicht existieren. Diese anspruchsvolle Strategie stellt Konventionen in Frage und regt zum scharfen Beobachten und Nachdenken an. Wagemut, Humor und Selbstironie dürfen dabei nicht fehlen.

«Second Layer» verlangt ein gekonntes Zusammengehen von architektonischem und farblichem Entwurf. Darüber hinaus muss stets Stil gewahrt werden, soll die Gestaltung nicht ins Bedeutungslose abdriften.

Farbstrategien

Die Farbstrategie «Second Layer» wurde anhand des Studiums von Bauten des Zürcher Architekturbüros Knapkiewicz & Fickert (gegründet 1992) analysiert.

Publikation
Farbstrategien in der Architektur
Fiona McLachlan, AnneMarie Neser, Lino Sibillano, Marcella Wenger-Di Gabriele, Stefanie Wettstein. Hg. Haus der Farbe, Schwabe Verlag Basel 2015 (ISBN 978-3-7965-3420-1)

Englische Version:
Colour Strategies in Architecture, Schwabe Verlag Basel 2015 (ISBN 978-3-7965-3421-8)

Faksimile-Drucke
Mappe mit sechs Faksimile-Drucken der Farbstrategien im Originalformat 570 x 570 mm. Offsetdruck sechs-farbig mit einer Modulationsfarbe im Steindruck.
Auflage: 100
Produktion: J. E. Wolfensberger AG Stallikonerstrassw 79, 8903 Birmensdorf ZH

Text
Haus der Farbe

Bilder
Haus der Farbe


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